Handy und Laptop liegen auf einem Tisch.

Das Bloggen als neue Profession

In ihren Anfängen hatten Blogger und Bloggerinnen noch mit einigen Vorurteilen zu kämpfen. 

Dass sie heute schon zum Mainstream gehören, liegt unter anderem am revolutionären Bedeutungswandel, der in den letzten Jahren stattgefunden hat. Wo traditionelle Massenmedien momentan einen Vertrauensverlust erleiden, leben BloggerInnen vom Vertrauen ihrer Community.

Das macht sie nicht nur als Informations- und Orientierungsquelle relevant, sondern weckt auch das Interesse von Marketingabteilungen und Agenturen. Mit dieser Tatsache kommt allerdings auch eine große Portion Verantwortung einher, derer sich nicht immer alle BloggerInnen bewusst sind, es aber definitiv sein sollten. An dieser Stelle daher eine kritische Reflexion zum Status quo des (professionellen) Bloggens.


Heute gibt es mal eine andere Art von Blogartikel auf bloggerabc. Meine liebe Kollegin Ivana Barić Gašpar hat sich mit dem Stand der Dinge in Bezug auf das professionelle Bloggen auseinander gesetzt. Ich freue mich sehr, dass sie ihre Sicht auf das Thema bei mir veröffentlicht und bin sehr darauf gespannt, wie deine Meinung dazu ist. Schreib es mir in die Kommentare. Über eine Diskussion darüber würde ich mich sehr freuen. Mehr zu Ivana erfährst du in der Autorenbox.


Die (R-)Evolution des Mediums

In den vergangenen Jahren hat sich das Bloggen radikal verändert. „Alte Hasen“ konnten den kometenhaften Aufstieg des Mediums, der Ende der 90er Jahre einsetzte und dessen Höhepunkt heute kaum abzusehen ist, live miterleben – und diese Popularität brachte nicht nur positive Entwicklungen mit sich. Wo vorher RSS-Feeds überquollen und laufend Kommentare eintrudelten, wurde die Resonanz und Interaktion der Leserschaft mit den Jahren immer geringer.

Das wird jeder und jede von uns aus eigener Erfahrung bestätigen können. Als Folge sprachen manche Veteranen der Szene bereits vom Ende des Blogs. Wieder andere, nicht weniger etablierte Internetgrößen, definierten diese neue Erscheinung als Content Shock. Dieser von Mark Schaefer in die Welt gesetzte Begriff, bezeichnet jenen Zustand, bei dem weit mehr Content produziert und online gestellt wird, als überhaupt rezipiert werden kann.

Die Zunahme an Content alleine war es aber nicht, was die Resonanz ausbremste. Zum einen entstanden mit den sozialen Medien neue Kommunikationskanäle, die schnell Verbreitung fanden, zum anderen entwickelte sich das Smartphone zum ständigen Begleiter und bei vielen zur persönlichen Informationszentrale. Das Mediennutzungsverhalten veränderte sich damit nachhaltig in Richtung Micro Content, auch als Snackable Content bezeichnet. Der Name ist Programm: klein, meist mobil und leicht zu konsumieren.

Zusätzlich hatten sich die Suchalgorithmen der großen Suchmaschinen verändert. Besonders Google mischte die Karten mit seinem Panda-Update neu: Was jetzt zählte, war nicht mehr die Zahl der veröffentlichten Inhalte und der entsprechenden Keywords, sondern die Qualität der publizierten Beiträge.

Vom Ende des Blogs würde ich, und hier bin ich sicherlich nicht alleine, also nicht sprechen. Ganz im Gegenteil, es findet viel eher eine Evolution der Bloglandschaft statt, eine Professionalisierung im vielfältigstem Sinne: Während die einen sich eher kommerziell orientieren und durchaus Geld mit ihrem Blog verdienen (können), erleben Themenblogs zu Politik und Finanzen heutzutage eine nie dagewesene Meinungsbildungsrelevanz. Zwei sehr prominente Beispiele sind netzpolitik.org und finanztip.de. Diese Entwicklungen gehen mit einer großen Verantwortung einher, die die Frage nach der Bloggerethik immer wieder aufwirft.

Mainstream-Medien im Umbruch

Schon seit geraumer Zeit lässt sich auch bei den klassischen Medien ein Umbruch feststellen. Sieht man von wenigen Nischen ab, so sinkt bei den Printmedien die Leserschaft kontinuierlich. Die Branche leidet unter rückläufigen Verkaufszahlen. Zusätzlich haben die Menschen in Deutschland heute weniger oder gar kein Vertrauen in die klassischen Medien.

Betroffen ist vor allem, aber nicht nur, die politische Berichterstattung – ein Trend, der nicht nur in Deutschland zu beobachten ist. Finanz- und Politikblogs stellen oft eine Gegenöffentlichkeit zu den Mainstreammedien dar. Sie bilden sich nicht selten im Zuge von Krisen. So entstand der populäre Finanzblog Zerohedge unmittelbar nach der letzten Finanzkrise im Jahr 2008. Solche Blogs erweitern das Spektrum der veröffentlichten Meinung, scheuen aber gelegentlich auch vor waghalsigen Thesen nicht zurück.

Die Arbeitsumgebung solcher Blogs hat sich gewandelt und erfordert heute eindeutig mehr Zeit. Wer professionell bloggen möchte, benötigt für einen Blogartikel ausreichend Zeit. Vier bis zehn Stunden, meinte Daniela in ihrem Artikel “Vom Mythos der 1.000 Wörter für gute Blogposts” und ich kann ihr nur zustimmen! Keine Ahnung, wie andere das in zwei Stunden erledigen…

Aber zurück zum Thema: Welche Implikationen aus dieser Professionalisierung des Blogs folgen, zeigt ein Blick in die arabische Welt (aber nicht nur dort!). Hier fordern Blogger eine erstarrte Medienlandschaft heraus, die in der Regel von autoritären Regierungen beherrscht oder zumindest beeinflusst wird. Schnell sammeln sie auf Facebook Unterstützer, halten sich mit Kurznachrichten auf Twitter auf dem Laufenden und diskutieren neue Ideen auf Youtube (mehr zu diesem spannenden Thema findest du z.B. in dem Buch Egypten Revolution 2.0) Der arabische Frühling wäre ohne diese „neuen Journalisten“ wahrscheinlich nie zustande gekommen.

Aus Journalisten werden Blogger – oder umgekehrt?

Wer heute professionell bloggen möchte, bewegt sich nicht bloß auf einer Plattform. Es reicht nicht mehr nur einen Weblog zu besitzen. Blogger und Bloggerinnen nutzen stattdessen mehrere Medienkanäle und schaffen eine Markenidentität im virtuellen Raum. Sie leben von der erzielbaren Reichweite und dem Veröffentlichen ihrer Inhalte.

Schnell können aus Journalisten hauptberufliche Blogger werden. Der sarkastische Videoblogger und Kritiker Jim Sterling ist nur eines von vielen Beispielen. In Zeiten sinkender Zeitschriften-Abonnements hängte Sterling seinen Posten als Redakteur an den Nagel und beschloss sein Glück auf Youtube zu suchen – und fand es. Hierzu entwickelte er eine eigene Webpersönlichkeit, die als wahrnehmbare Marke heraussticht.

Aber funktioniert diese Entwicklung auch in die andere Richtung? Können Blogger zu Journalisten werden? Sicher. Als Beispiel sollen mir hier Sascha Lobo (Kolumne bei Spiegel Online) und Markus Beckedahl von netzpolitik.org dienen. Letzterer wurde im Jahr 2015 sogar kurzzeitig des Landesverrats beschuldigt. Das ist (für mich) definitiv die Arbeit eines professionellen Journalisten, oder nicht?

Zusammenarbeit mit Bloggern für Unternehmen unerlässlich

Im Gegensatz zu Journalisten können BloggerInnen aber mit einer ganz anderen Kommunikationsstrategie antreten: Sie kommunizieren direkter und sind dadurch für das Publikum greifbarer. LeserInnen oder ZuschauerInnen knüpfen andere Erwartungen an das Medium Blog. Bei politischen Themen und dem Ziel der Meinungsbildung kann das auch problematisch werden.

Auch als professioneller, gesellschaftspolitischer Blogger muss man jene Sorgfaltspflichten beachtet, die auch für den regulären Journalismus gelten. BloggerInnen stellen heute eine bedeutende Ergänzung zu den herkömmlichen Medien dar. Diesen gegenüber haben Blogs allerdings den Vorteil, dass ihre Community ihnen ein größeres Vertrauen entgegenbringt – und das ist ein Tatbestand, der auch für andere Bereiche relevant ist.

So ist für Unternehmen die Zusammenarbeit mit BloggerInnen, als neue Meinungsbildner, fast schon unerlässlich geworden – Stichwort Influencer Marketing. Unternehmen profitieren vom hohen Vertrauen und der Reichweite, die der Blogger bzw. die Bloggerin innerhalb der Community genießt. Dieses Vertrauen ist jedoch eine Währung, die BloggerInnen nicht allzu leichtfertig aufs Spiel setzen (sollten). Schließlich hängt ihr eigenes Business, wenn es denn schon eines gibt, und ihre Reputation davon ab. Es sollte sich deshalb beim Influencer Marketing eher um eine Partnerschaft handeln, die mit besonderem Aufwand gepflegt wird.

Vorläufiges Resümee einer dynamischen Entwicklung

Professionell zu bloggen braucht Engagement, Professionalität und im zunehmenden Maße auch Verantwortung. Das Vertrauensverhältnis zu den Leserinnen und Lesern muss immer gewahrt bleiben. Und auch die Rolle, die BloggerInnen als Meinungsbildner zukommt, darf heute nicht mehr unterschätzt werden. Wir alle müssen uns dieser neuen Rolle bewusst werden, denn in der Tat, aus dem Hobby „Bloggen“ ist eine neue Profession entstanden.

Für Unternehmen heißt das wiederum, die Eigenständigkeit externer BloggerInnen zu wahren. Das bedeutet, sie nicht in unangenehme Situationen (wie etwa das Verlangen nach Nicht-Kennzeichnung von bezahlten Artikeln bzw. zur Verfügung gestellten Produkten) zu bringen und vor allem ihnen nicht vorzugeben, wie ihre Meinung auszusehen hat. UnternehmerInnen, die selbst bloggen und damit erfolgreich sein wollen, müssen sich hingegen von ihrer Selbstzentriertheit lösen und ihre potenziellen Kunden mit deren Bedürfnissen in den Fokus rücken. Das ist nicht immer einfach, aber jeder Job hat seine individuellen Herausforderungen.


ivana-baric-gasparIvana Barić Gašpar ist Freelancerin für Online-PR & Content-Marketing, ihre Leidenschaft ist die digitale Kommunikation. Als Beraterin, Bloggerin, Trainerin und Mutter geht sie von einer festen Überzeugung aus: Kommunikation schafft Wirklichkeit!

Du möchtest mehr über das Bloggen und Social Media erfahren?
Dann trage dich für den Newsletter ein und erhalte jede Woche Tipps, Empfehlungen und hilfreiche Informationen kostenlos in deine Inbox. PS: Deine E-Mail-Adresse ist bei mir sicher und Spam wird es nicht geben.

4 Kommentare zu “Das Bloggen als neue Profession

  1. Ich beobachte den Umbruch in der Welt der Kommunikation (speziell Blogs) auch seit einiger Zeit. Ich weiß nicht, wofür cih mich entscheiden soll: Faszination oder Sekpsis? Beides kommt auf. Ich glaub, ich nehme Faszination, ist ein schöneres Gefühl 🙂

    Danke für diesen aufklärenden Artikel!

    1. Hallo Tobias,
      danke dir für dein Feedback! Da hast du eine gute Frage in den Raum geworfen. Ich glaube, ob man sich die Entwicklungen mit Skepsis oder Faszination anschauen will hängt auch mit der eigenen Filterblase zusammen, in der man schwimmt.Je nach Thema und Branche kann man sich nur freuen oder die Hände über den Kopf zusammenschlagen. Aber gehen wir die Sache positiv an und lassen uns faszinieren. 🙂
      Viele Grüße
      Daniela

  2. Ich persönlich finde es als langjähriger Webseitenbetreiber und Blogger toll, dass es mittlerweile eine so große Passion hinsichtlich des Bloggens gibt und es schlussendlich auch von allen Seiten her ernst genommen wird. Ich denke gerade in einer Zeit, in der Content-Marketing so gehyped wird, können auch Blogger nur davon profitieren und ihre Expertise bestens zur Schau stellen.

    1. Hallo Martin,
      das sehe ich wie du. Allerdings muss nur der Blogger das auch wollen. Es gibt viele, die ihren Status als Hobbyblogger behalten und nach außen tragen wollen. Andere haben eine gute Chance sich professioneller aufzustellen, wenn das Thema und die Leidenschaft dafür stimmen.

      Viele Grüße
      Daniela

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*